Sechs Bürgermeister-Kandidaten antworteten dem SSV auf seine „11 Fragen zum Neusser Sport“.

    23.Juli 2020, von Stadtsportverband Neuss e.V.

    Heute lesen Sie die Antworten des Spitzenkandidaten Roland Sperling (Die Linke).

     

    Der Stadtsportverband (SSV) Neuss hatte die sieben Parteien (CDU, SPD, Grüne, FDP, AfD, Linke, UWG), die einen Bürgermeister-Kandidaten für die Kommunalwahl 2020 nominiert haben, mit „11 Fragen zum Neusser Sport“ Anfang Juni angeschrieben. Ziel der Anfrage war es, den Mitgliedern des Stadtsportverbandes (114 Vereine, 34.000 Mitglieder) eine Chance zu geben, sich ein eigenes Bild von den Positionen der Kandidaten und derer Parteien im Bereich Sport für die Wahl am 13. September zu bilden.

    Der SSV wird ab heute täglich auf seiner Website und auf Facebook die Antworten eines Kandidaten kommunizieren und nach dem Posting aller Antworten eine kurze Bewertung vornehmen. Die Reihenfolge ist nach dem Ausgang der Kommunalwahl 2014 ausgerichtet und lautet: UWG (Thomas Lang), Die Linke (Roland Sperling), FDP (Michael Fielenbach), Die Grüne (Michael Klinkicht), SPD (Bürgermeister Reiner Breuer), CDU (Prof. Dr. Jan-Philipp Büchler). Die AfD hat an der Befragung der Fragen nicht teilgenommen.

     

    Heute lesen Sie die Antworten des Spitzenkandidaten Roland Sperling (Die Linke):

    Frage 1: Welche Bedeutung messen Sie dem „Neusser Sport“ im gesellschaftlichen Konsens in der Quirinusstadt zu?

    Der Neusser Sport ist ein unersetzbares Element unserer Neusser Stadtgesellschaft. In den rund 120 Neusser Sportvereinen sind über 35.000 Menschen aktiv – mehr als irgendwo sonst. Die Hälfte unsere Kinder und Jugendlichen ist Mitglied eines Sportvereins. Will Neuss seinem Anspruch, eine soziale Stadt zu sein, gerecht werden, kann das also nur mit Hilfe der Neusser Sportvereine gelingen. Sie erfüllen wichtige Aufgaben sowohl in der Bildung von Kindern und Jugendlichen, die im Verein soziales Verhalten lernen, als auch in der Integration, der Inklusion, der Gesundheitsvorsorge und als Anbieter einer sinnvollen Freizeitgestaltung. Sie erfüllen also öffentliche Aufgaben, die die Stadt allein gar nicht erfüllen könnte. Daraus folgt für mich auch die Berechtigung und Notwendigkeit öffentlicher Förderung!

     

    Frage 2: Wo sehen Sie den „Neusser Sport“ organisatorisch im Jahre 2025?

    Sport in Neuss ist eine Querschnittsaufgabe und muss auch von der Politik als eine solche verstanden werden. Das betrifft u.a. die Bauplanungs-, Verkehrs-, Umwelt-, Wohnungs-, Jugend-, Sozial- und Kulturpolitik. Sport muss in Neuss also ein wesentlicher Bestandteil der Stadtenwicklungspolitik werden. Die Neusser Kommunalpolitik muss deshalb die gesellschaftspolitischen Potentiale des Sports noch stärker in ihre Strategien einbeziehen. Dabei muss der Sachverstand der Sportvereine genutzt werden, die dadurch in eine neue Rolle in der Stadtpolitik hineinwachsen werden.

    Gleichzeitig sollte der Neusser Sport sein Angebot noch stärker als bislang erweitern auf Sportangebote für spezielle Gruppen wie ältere Menschen, zugewanderte Menschen und Menschen mit Behinderungen. Das wird besondere organisatorische Vorkehrungen erfordern, die aber nicht von der Stadt vorgegeben werden können, sondern von den Vereinen in eigener Verantwortung zu entwickeln sind.

     

    Frage 3: Wo sehen Sie den „Neusser Sport“ infrastrukturell im Jahre 2025?

    Grundsätzlich ist die Sportstättensituation für den Breitensport in Neuss gut, auch dank der Vielzahl von Bezirkssportanlagen. Mit der Schaffung von Sportzentren haben wir die Infrastruktur für den Neusser Sport deutlich verbessert und zukunftsorientiert entwickelt. Diese Aufgabe kann aber nie als abgeschlossen betrachtet werden. Im Neusser Süden z.B. haben wir, bedingt durch neue Wohngebiete, einen deutlichen Bevölkerungszuwachs. Dem muss durch ausreichende Sportstätten Rechnung getragen werden.

    Demographische Veränderungen werden in den kommenden Jahren auch zu einem Umdenken bei der Konzeption von Sportstätten führen müssen. So sind z.B. für die sportlichen Aktivitäten älterer Mitbürgerinnen und Mitbürger eher kleinere, nicht genormte Sporträume geeignet als große Turn- und Sporthallen.

    Gleichzeitig müssen genügend Anlagen vorhanden sein, die den Anforderungen des Wettkampfsports genügen.  Dass dies nicht selbstverständlich ist, zeigt die immer wieder aufkommende Diskussion um eine mögliche Schließung des Stadtbades, der einzigen Neusser Schwimmhalle mit einem 50-Meter-Becken.

    Aktuell muss in der kommenden Ratsperiode bis 2025 schließlich die Frage einer neuen Multifunktionshalle angegangen werden. Eine solche Halle könnte neben den größeren Vereinen auch als Veranstaltungsort für den Leistungssport zur Verfügung stehen. Hierzu verweise ich auf das Gutachten der IKPS „Sport und Bewegung in Neuss“.

    Die Qualität und der Erhalt vorhandener Sportstätten muss als städtische Daueraufgabe gewähreistet sein.

     

    Frage 4: Wo sehen Sie den „Neusser Sport“ ehrenamtlich im Jahre 2025?

    Der Neusser Sport lebt vom freiwilligen Ehrenamt vieler Menschen. Gleichzeitig haben viele Sportvereine Probleme, auf eine ausreichende Zahl von Ehrenamtlichen für den Trainingsbetrieb oder für die Vereinsverwaltung zurückgreifen zu können. Ich bin allerdings zuversichtlich, dass diese Frage in den kommenden Jahren durch geeignete Maßnahmen zur Stärkung und Förderung des Ehrenamts beantwortet werden kann. Hierzu darf ich auf die Antwort zu Frage 7 verweisen.

     

    Frage 5: Welche Bedeutung hat der „Neusser Sport“ im Hinblick auf die Integration und die Inklusion?

    In Neuss leben viele Menschen mit Migrationshintergrund, Flüchtlinge und Zugewanderte. Für mich ist es selbstverständlich, dass alle Sporttreibenden in unseren Vereinen herzlich willkommen sind. Insbesondere der Fußball spielt bei der Integration eine große Rolle. Hier ist der Neusser Sport mit seiner relativ großen Zahl von Fußballvereinen sicherlich gut aufgestellt. Auch der jährliche Integrations-Cup ist lobend zu erwähnen. Ich finde es wichtig, dass zusätzlich auch herkunfts-spezifische Sportarten von Vereinen angeboten werden können.

    Die bereits bestehenden Aktivitäten vieler Vereine sollten m.E. koordiniert und erweitert werden. Hierzu sollte in der kommenden Ratsperiode ein städtisches Konzept „Integration durch Sport“ erstellt werden.

    Inklusion durch Sport erhebt den Anspruch, dass jeder Mensch nach seinen individuellen Voraussetzungen ein Sportangebot in Neuss wählen und an diesem teilnehmen kann. Daher sind spezifische barrierefreie Angebote nötig. Ich freue mich sehr, dass viele Neusser Vereine hier bereits aktiv sind. Zu erwähnen sind etwa die Rollstuhlsport-Angebote der TG Neuss oder das Handicap-Turniere des B.V. Weckhoven. Behindertensport sollte – nicht nur zu den Special Olympics - einen festen Platz im Veranstaltungskalender unserer Stadt haben.

     

    Frage 6: Welche Rolle spielt für Sie die Förderung des hiesigen leistungsorientierten Sports mit seinen Vorbildern?

    Neuss hat national und international herausragenden Sport zu bieten, z.B. die Voltigierer. Seit Jahren, angefangen mit Nadja Zülow, bringen diese hervorragende Leistungen, die weltweit Beachtung finden. Ob diese Leistungen auch in der Stadt Neuss angemessen gewürdigt werden, darüber kann man m.E. verschiedener Auffassung sein.

    Die Vorbildfunktionen des Sports für Werte wie Fair Play, Toleranz, Solidarität und Teamgeist werden für viele Menschen insbesondere im leistungsorientierten Sport erlebbar. Schon aufgrund der größeren medialen Aufmerksamkeit für Leistungssport bringt dieser oft Sportler hervor, die Vorbilder für Kinder und Jugendliche sind. Neben dem Breitensport hat für mich deshalb auch der Leistungssport eine wichtige Aufgabe und zugleich seine Berechtigung. Freilich setzt dies eine entsprechende Förderung voraus – nicht nur finanziell, sondern z.B. auch durch Talentsuche und -förderung vor Ort.

     

    Frage 7: Das Ehrenamt und die Übungsleiter sind das Rückgrat des „Neusser Sports“. Welche Ansätze sehen Sie zur Stärkung/Förderung?

    Ich will, dass die Neusser Vereinslandschaft auch in Zukunft lebendig und vielfältig bleibt. Das setzt aber voraus, dass wieder mehr Menschen Lust haben, ein Ehrenamt im Sport zu übernehmen. Hier ist Kreativität gefragt. Die Stadt kann dabei helfen, gemeinsam mit den Vereinen ein Konzept für ein professionelles Ehrenamtsmarketing zu erstellen. Wichtig dabei ist vor allem eine Orientierung an den gewandelten Bedürfnissen und Interessen der Zielgruppen, die für ein freiwilliges Engagement gewonnen werden sollen. Aus welchen Gründen würde sich z.B. ein Jugendlicher ehrenamtlich engagieren? Was könnte für ihn eine Motivation sein? Zu welchem zeitlichen Aufwand ist er bereit?

    Um attraktive Angebote zu schaffen bieten sich m.E. zudem flexible Zeit- und Einsatzmodelle an. Ein Ehrenamt auf Probe z.B. kann einen allmählichen Einstieg ins Ehrenamt schaffen. Ähnlich ist es bei einem Ehrenamt auf Zeit oder begrenzt auf ein bestimmtes Projekt. Das setzt natürlich auch eine entsprechende Flexibilität auf Seiten der Vereine voraus. Weitere Maßnahmen können Praktika oder Projekte für Schüler und Studenten sein. Vor allem auch das soziale Engagement des Vereins kann zu einem nachhaltigen Werbeeffekt für die Gewinnung neuer Ehrenamtler führen.

     

    Frage 8: Ist Sport für Sie ein Stück Stadtmarketing?

    Sport ist heutzutage für alle Kommunen ein wichtiger Standortfaktor, der eine imagefördernde Wirkung besitzt. Sport hat eine hohe Aussagekraft für Attraktivität und Lebensqualität einer Stadt wie Neuss. Das größte Potential für eine nachhaltige Stadtwerbung sehe ich indes weniger in singulären Großveranstaltungen als in einem kontinuierlich weiterentwickelten attraktiven Angebot für den Breitensport. So haben sich z.B. die bei vielen vorhandenen großen Erwartungen an die Teilnahme der Stadt Neuss an der Tour de France 2017 in keinster Weise erfüllt: weder wurde Neuss bekannter – in der Berichterstattung kam Neuss so gut wie gar nicht vor -, noch hat es den erhofften Aufschwung für den Neusser Radsport gegeben.

    Gute Sportanlagen und ein breites Angebot für den Breitensport können das Stadtimage dagegen nachhaltig aufwerten.  Sie steigern die Zufriedenheit der Einwohner unserer Stadt. Diese Einwohner sind Multiplikatoren, die eine positive Meinung über Neuss verbreiten und die eine hohe Überzeugungskraft besitzen. Die Meinung der Einwohner einer Stadt ist oft eine wichtige Entscheidungshilfe für potenzielle neue Einwohner bei ihrer Wohnortsuche. Deswegen sollten auch Sportveranstaltungen im Fokus des Stadtmarketings stehen, die für jeden zur Teilnahme zugänglich sind, wie z.B. der Sommernachtslauf.

     

    Frage 9: Der Sommernachtslauf, die Tour de Neuss oder der QuirinusCup sind sportliche Neusser Aushängeschilder. Wäre es nicht sinnvoll, die veranstaltenden Vereine im Hinblick auf die stetig steigenden organisatorischen, haftungsrechtlichen sowie finanziellen/steuerlichen Herausforderungen zu entlasten?

    Diese Frage lässt sich m.E. nicht generell für alle Veranstaltungen und für alle Vereine beantworten. Vielmehr ist seitens der Stadt im Einzelfall zu prüfen, welche Herausforderungen es gibt und wie die Stadt dabei finanziell und organisatorisch helfen kann. Angesichts der großen Bedeutung des Sports für Neuss, die ich bereits erwähnt habe, halte ich eine grundsätzlich großzügige Haltung der Stadtverwaltung für angebracht.

     

    Frage 10: Wie schätzen Sie die Auswirkungen von „Covod-19“ auf den „Neusser Sport“ ein und was gedenken Sie zu tun, um dem „Neusser Sport“ Hilfestellung zu leisten?

    Bei Frage 1 hatte ich bereits darauf hingewiesen, dass Sport in Neuss eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe erfüllt und der Stadt Aufgaben abnimmt, die sie ansonsten mit eigenen Mitteln versuchen müsste zu erfüllen. Die finanzielle Förderung des Sports darf daher nicht allein als freiwillige Aufgabe der Stadt angesehen werden, an der man in schwierigen Zeiten sparen könne. Gerade in der Corona-Krise zeigt sich, wie wichtig der durch den Sport geförderte gesellschaftliche Zusammenhalt ist. Die soziale Funktion der Neusser Sportvereine ist durch die Pandemie sogar gewachsen.  Gleichzeitig ist es für die Vereine sehr viel schwieriger geworden, ihre Veranstaltungen zu planen und durchzuführen. Das hat erhebliche finanzielle Auswirkungen. Ich trete deshalb dafür ein, dass die Stadt an ihren zugesagten Zuschüssen und finanziellen Förderungen festhält – auch soweit Leistungen der Vereine coronabedingt nicht erbracht werden können. Zusätzlich müssen die Vereine von Nutzungs- und anderen Gebühren entlastet werden. Was es auf keinen Fall geben darf, ist, dass das Sportangebot und damit die Lebensqualität in Neuss durch Corona beschädigt werden.

     

    Frage 11: Welche Rolle spielt Sport in Ihrem Leben?

    Ich besuche gerne und regelmäßig Neusser Sportveranstaltungen, wie z.B. den jährlichen Novesia-Cup oder den bereits erwähnten Integrations-Cup. Für organisierten Sport außerhalb eines Sportstudios habe ich dagegen als selbständiger Rechtsanwalt wenig Zeit. Ich befürchte, dass dies auch als Neusser Bürgermeister so bleiben wird.

     

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